Ländlicher Raum auf dem Abstellgleis???

4. Juni 2011 |

Brigitte Scherb

„Ländlicher Raum auf dem Abstellgleis" – diese Frage war beim Kreislandfrauentag im Landkreis Rotenburg mit 3 Fragezeichen versehen und im Rahmen einer Podiumsdiskussion vor 400 Landfrauen und Landwirten sollten Antworten auf die Fragen von „Land und Forst"-Chefredakteur Ralf Stephan gegeben werden. Für mich war es eine besondere Ehre, am 1. Juni im vollbesetzten Festzelt in Hemslingen Seite an Seite mit Prof. Claudia Neu, der Präsidentin des Deutschen Landfrauen-Verbandes Brigitte Scherb und Niedersachsens Landvolk-Präsidenten Werner Hilse diskutieren zu dürfen.

Podiumsdiskussion in Hemslingen Foto: Rotenburger Rundschau

In seinem Grußwort hatte der Rotenburger Landrat Hermann Luttmann bereits die Wichtigkeit von Bürger-Engagement betont: „Die Entwicklung in den Dörfern wird entscheidend davon abhängen, inwiefern die Einwohner bereit sind, sich an der Zukunftsgestaltung aktiv zu beteiligen.“

Die Rotenburger Kreiszeitung berichtete wie folgt über die Veranstaltung: „Günter Lühning, einer der Diskutanten, stellte „sein“ Otersen im Kreis Verden vor, eine Gemeinde halb so groß wie Hemslingen, ein Dorf, das immer mehr ausblutete".

Dazu hatte ich berichtet, das Otersen 1965 die Schule und 1972 den Status der selbstständigen Gemeinde verloren hatte und sich die Einwohnerzahl in den folgenden Jahrzehnten um über 100 auf 400 Bürger reduziert hatte. Anfang der 1990er Jahre kam dann die Dorferneuerung gerade zur richtigen Zeit. Oterser wurde „erneuert" und wir Bürger lernten zunehmend, uns für die Zukunft unseres Dorfes zu engagieren. Vor den interessierten Landfrauen in Hemslingen berichtete ich über mehrere Oterser Projekte, die Dorfladen-Gründung 2000, unseren Erfolg als Bundes-Golddorf 2007, den gerade fertig gestellten Neubau sowie den Anstieg der Einwohnerzahl von knapp über 400 auf jetzt 520 Einwohner.  Die Rotenburger Rundschau berichtete weiter: Lühning: „Immer, wenn Bürger zusammenstehen, haben sie sehr wohl Chancen.“ Und in Niedersachsen, so der Sparkassenbetriebswirt, habe auch die Politik ein offenes Ohr für den ländlichen Raum und sei bereit, Zuschüsse zu zahlen.

Prof. Claudia Neu

Genau hier erkennt die Soziologin Prof. Dr. Claudia Neu von der Hochschule Niederrhein für die Zukunft entscheidende Bremsen. Die Wissenschaftlerin „sieht keinen politischen Willen, die ländlichen Räume zu unterstützen“. Die Konsequenz sei, dass der Bürger, überall dort wo der Staat kein Geld zur Verfügung stelle, selbst zugreifen müsse.

DLV-Präsidentin Brigitte Scherb

Sie habe ein wenig „Bauchschmerzen“, gestand Brigitte Scherb, Präsidentin des Deutschen Landfrauenverbandes, „wenn alles auf die ehrenamtliche Schiene gedrückt werden soll“. Das Ehrenamt könne staatliche Vorsorge nicht ersetzen. Brigitte Scherb nannte als „zentrale Frage“ den mangelnden Nachwuchses und merkte selbstkritisch an, dass „wir es uns selbst zuzuschreiben haben, wenn die Dorfläden geschlossen wurden. Einfach deshalb, weil wir sie nicht angenommen haben“. Quelle: Rotenburger Kreiszeitung. Die Landfrauen-Präsidentin Brigitte Scherb berichtete in Hemslingen auch von ihrer Gast-Vorlesung in der Uni Göttingen am Tag zuvor. Dort habe sie auch über das Dorfladen-Netzwerk und die Neugründung in Otersen in der vorteilhaften Rechtsform des wirtschaftlichen Vereins w.V. referiert, so die DLV-Präsidentin. Dem Publikum in Hemslingen habe ich daraufhin erklärt, dass wir durch die Rechtsform w.V. im Vergleich zu einer Genossenschaft eG mindestens 3.000 Euro Kosten pro Jahr sparen.

Landvolk-Präsident Werner Hilse

Rotenburger Kreiszeitung: Werner Hilse, Präsident des Landesbauernverbandes, unterstrich zu Beginn der von Ralf Stephan moderierten Diskussion, er sei, was die Zukunft des Landes betreffe, optimistisch. Allerdings werde sich die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe weiter verringern: „Weniger Betriebe und weniger Mitarbeiter erledigen die gleiche Arbeit.“ Die Vorsitzende der Landfrauen, Ilse-Marie Schröder aus Bittstedt resümierte: „Die Strukturen bröckeln langsam.“

XModeriert wurde die Podiumsdiskussion von Ralf Stephan, dem Chefredakteur der „Land & Forst" als Auflagen-stärksten Wochenblatt für Landwirtschaft und Landleben in Niedersachsen. Stephan räumte ein, als gebürtiger Brandenburger noch nie in Otersen gewesen zu sein. Er habe sich aber auf der Internetseite des Dorfes (www.otersen.de) umfassend informieren können und das sei sehr vielversprechend gewesen.

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