„Lust auf Dorf" trotz „weniger, älter, bunter"

14. Oktober 2012 |
Schloss in Gifhorn

Schloss in Gifhorn

Zur Tagung „Lust auf Dorf – Dorfentwicklung in Zeiten des demografischen Wandels" war ich gestern als Referent im Schloß Gifhorn. Landrätin Marion Lau rechnete in ihrer Begrüßungsrede mit einem Einwohner-Rückgang um zwölf Prozent im Landkreis Gifhorn, stellte das Altern der Gesellschaft mit „Rollator statt Kinderwagen" dar und forderte, dass auch in den Dörfern die Integration von Menschen mit Migrationshintergrund gelingen müsse, weil „wir weniger, älter und bunter werden". Während die Landrätin „Chancen zur Gestaltung sah" forderte Jens Palandt vom Zweckverband Großraum Braunschweig einen „Masterplan Daseinsvorsorge" mit Stabilisierungs- und Anpassungsstrategien.

Im Workshop 1 (einem von insgesamt fünf) mit dem Titel „Neue Versorgungsstrukturen sichern unser Leben im Dorf" durfte ich am Nachmittag einen Vortrag über „Dorfläden – von Bürgern für Bürger" halten und unseren Dorfladen mit AllerCafé in Otersen – aber dazu später mehr. Im Mittelpunkt des Vormittags standen die Impulsreferate von Jens Palandt und Dr. Ansgar Klein, dem Geschäftsführer des Bundesnetzwerkes Bürgerschaftliches Engagement. Nachdem Landrätin Marion Lau für den 172.000 Einwohner in 42 Gemeinden zählenden Landkreis Gifhorn einen Kreisentwicklungsplan ankündigte, der auch aufzeigen solle, wie künftig das Leben und Wohnen im Alter in den Dörfern aussehen solle, fand der Vortrag „Stillstand ist Rückschritt" von Jens Palandt große Beachtung.

Palandt referierte auch über die unterschiedlich starken Einwohner-Rückgänge bis 2030 und nannte folgende Zahlen:

  • – 6 % in Niedersachsen im Durchschnitt
  • – 12 % im Landkreis Gifhorn
  • – 23 % in der Stadt Wittingen (2005: 12.291 Einwohner – 2011: 11.603)
  • – bis zu – 50 % in den Harz-Gemeinden

Während der Anteil der Generation 60+ deutlich ansteige, sinke die Häuslebauer-Generation der 30- bis 40-jährigen Einwohner überproportional. Die Bauland-Ausweisung sei daher kein Instrument der Bevölkerungsentwicklung, vielmehr müsse die Revitalisierung der (leer-fallenden) Ortsmitten Vorrang haben, so dass Stabilisierungs- und Anpassungsstrategien erforderlich seien und Immobilien-Preise („teilweise im freien Fall") und Leerstands-Entwicklung von Bedeutung seien.

Parallel zu den neuen Herausforderungen des Demografischen Wandels erleben viele Kommunen eine Finanznot mit strukturellen Defiziten, so dass Palandt ein Auseinanderbrechen der kommunalen (finanziellen) Leistungsfähigkeit befürchten, weil Kommunen die notwendigen Investitionen in die Zukunft nicht mehr leisten könnten. Dies gehe einher mit sinkenden Finanzmitteln in den Förderprogrammen der EU für den ländlichen Raum, so dass Palandt einen Verteilungskampf der Regionen um Fördergelder prophezeite. Palandt geht davon aus, dass sich Ver- und Entsorgungsstrukturen teilweise wieder dezentralisiert würden. Der Erste Verbandsrat des Zweckverbandes Großraum Braunschweig sprach von Tragfähigkeitsgrenzen bei kleinen Dörfern und schloss nicht aus, dass sich Ortschaften unter 500 Einwohner zu Problemdörfern entwickeln könnten. Der Staat sei deshalb auf allen Ebenen auf das ehrenamtliche Engagement der Bürger angewiesen.

Passend dazu hieß das Thema des 2. Impulsvortrages „Aktive Bürger = attraktives Dorf = bessere Chancen im demografischen Wandel?" . Das ?-Zeichen hinter diesem Titel ersetzte Dr. Ansgar Klein aus Berlin durch ein !-Zeichen, unter der Voraussetzung, dass die Bürger sich nicht nur sporadisch, sondern langfristig und nachhaltig für die Entwicklung ihres Dorfes engagieren. Als Beispiele nannte der Geschäftsführer des Bundesnetzwerkes „Bürgerschaftliches Engagement"

  • Bürger-Bäder,
  • Bürger-Büchereien
  • Bürger-Dorfläden und
  • Bürger-Busse

„Die Dörfer brauchen Kümmerer und die Bürger sollten mit Professionalität und Kreativität die Zukunft gestalten", empfahl Dr. Klein. Da in den Zeiten des Demografischen Wandels die Menschen und die Finanzmittel schwinden, komme es besonders auf die Menschen an. Mentoren und Paten für bestimmte Projekte seien wichtig. Aus dem Reihen der rund 100 Teilnehmer wurde eine Altersversorgung für Ehrenamtliche und eine verbesserte Anerkennungs-Kultur für Ehrenamtliche gefordert.

Am Nachmittag wurden insgesamt fünf Workshops durchgeführt zu folgenden Themen:

  • 1. Sicherung der Nahversorgung
  • 2. Verbindungen sichern: Internet und ÖPNV (Bürgerbusse)
  • 3. Aktives Dorfleben gestalten
  • 4. Neues Leben im alten (Dorf-)Kern
  • 5. Unsere Jugend – Unsere Zukunft

Im Workshop 1 wurde von Torsten Rohé und Hankensbüttels Bürgermeister Andreas Taebel zunächst der DorfVersorgungsService für die 9.500 Einwohner in 24 Dörfern zählende Gemeinde Hankensbüttel vorgestellt. Während das Grundzentrum der Gemeinde durch eher zuviele Supermärkte schon fast über-versorgt sei, wurde für die Einwohner in den Ortschaften eine Unterversorgung festgestellt. Für einen Kostenaufwand von 60.000 Euro (davon 20.000 € aus der Gemeindekasse) wurde der DorfVersorgungsService (DVS) insbesondere für die nicht-mobile Bevölkerung entwickelt, der in wenigen Wochen gestartet werden soll. Zweimal wöchentlich wird es dann Lieferungen direkt an die Haustür geben, nachdem die Kunden des DVS zuvor per Telefax bestellt hätten. Die Bestellung geht an eine Koordinierungsstelle, der sich mehrere Lieferanten anschließen könnten. Ein Katolog soll insgesamt 600 Artikel umfassen. Kunden könnten sich für eine Pauschalgebühr von 20 Euro monatlich versorgen lassen. Wenn wir als Gemeinde 1,1 Millionen Euro jährlich für die Kinderbetreuung aufwenden, dann müssen wir auch in der Lage sein, 20.000 Euro als Gemeinde-Anteil in die Sicherung der Nahversorgung zu investieren, betonte Bürgermeister Andreas Taebel, der seiner Ehefrau ein Jahres-Abo für den DVS schenken will. 125 Kunden seien erforderlich, damit sich der DVS wirtschaftliche trage betonte Torsten Rohé aus dem Saarland, dessen Institut CBM das Pilotprojekt entwickelte.

Bürgerengagement für Dorfladen

Anschließend durfte ich über unser Konzept, über unsere Erfahrungen und die Weiterentwicklung unseres Dorfladens „von Bürgern für Bürger" berichten. Knapp 120 Haushalte aus Otersen und Wittlohe sind Miteigentümer unseres 180 qm großen Lebensmittel-Einzelhandelsgeschäftes und des 70 qm großen Mehrgenerationen-DorfCafés mit 2.300 verschiedenen Artikeln in den Regalen, über 4.000 Kunden monatlich und 338.000 Euro Jahresumsatz 2011. „Die Bürger haben es letztendlich selbst in der Hand, wie gut die Nahversorung und damit die Lebensqualität im eigenen Dorf ist, denn jeden Tag wird mit den Füßen über den Erfolg eines Dorfladens abgestimmt. Wer mit 30 oder 40 nicht im eigenen Dorf einkauft, darf sich mit 70 über fehlende Nahversorgung nicht beklagen" habe ich zum Abschluss des 30-minütigen Vortrages betont.

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