„Wir bestimmen heute, wie wir morgen leben"

3. November 2012 |

Vor Bürgermeistern aus Hessen habe ich bei einer Veranstaltung in Fulda einen Vortrag „Eigeninitiative statt Unterversorgung – Sicherung der Nahversorgung durch Bürgerengagement" gehalten und mit Interesse den Vortrag von Klaus John vom Lebensmittel-Großhändler TEGUT (6.000 Mitarbeiter, 320 Märkte, 1 Mrd. € Umsatz) verfolgt. „Unterversorgung führt zur Landflucht und Senioren müssten dann zu früh ins Altenheim flüchten" betonte Klaus John. TEGUT setzte sich mit inzwischen 15 „Lädchen für alles" für Nachhaltigkeit und eine gute Selbstversorgung von Senioren, Familien und Menschen aller Altersklassen im ländlichen Raum ein.

Ganze Dörfer seien in vielen Regionen inzwischen vom Aussterben bedroht und die Sicherung der Nahversorgung sei auch eine gute NahVORsorge für die Menschen im ländlichen Raum, betonte Klaus John in Fulda. Kleine Lebensmitteleinzelhandelsgeschäfte in den Dörfern sorgen für eine lebenslange Selbstversorgung am Wohnort. Senioren könnten in vertrauter Umgebung und selbstbestimmt alt werden und müssten viel später ins Altenheim, was auch volkswirtschaftlich ein Gewinn sei, war Klaus John zu Recht überzeugt. Die 15 „Lädchen für alles" wurden in den letzten beiden Jahren mit einem 3-Säulen-Konzept

  • Lebensmitteleinzelhandel
  • Dienstleistungen
  • Treffpunkt für die Menschen und soziale Kontakte

In den „Lädchen für alles" bieten TEGUT und die privaten Ladeninhaber auf durchschnittlich 150 qm Ladenfläche 2.500 bis 4.000 verschiedene Artikel (zum Vergleich: ein ALDI hat nur 800 – 1.200 Artikel in den Regalen). „Wir führen nicht alles, aber immer das Richtige", betonte John, für den der Zuspruch der örtlichen Bevölkerung und das Einkaufen am Wohnort zu den Erfolgsfaktoren gehöre. „Wir bestimmen heute, wie wir morgen leben", betonte John. In meinem folgenden Vortrag habe ich es ähnlich ausgedrückt: „Wer mit 40 nicht vor Ort einkauft, braucht sich mit 70 nicht über mangelnde Nahversorgung beklagen". „Jedes Dorf hat den Laden, den es verdient. Schlafdörfer wecken sie nicht auf", wandte sich John an die hessischen Bürgermeister. Wichtig sei die Einbindung der Menschen im Dorf in Bürgerversammlungen und in einem Kundenbeirat, so John, der am Vorabend in einer Bürgerversammlung vor 200 Einwohner in Villingen bei Gießen das „Lädchen-Konzept" präsentiert hatte.

Nach dem Grußwort von Dr. Frank Theissen vom Hessischen Sozialministerium hatte John in seinem Vortrag die soziale Komponente der „Lädchen für alles" und der Dorfläden herausgestellt. Beim Einkaufen vor Ort würden auch soziale Kontakte gepflegt, ebenso im angegliederten Tagescafé oder bei Mittagstisch-Angeboten. „Auf Rädern zum Essen im Lädchen" ist doch sozialer als „Essen auf Rädern" zu den Senioren, brachte es Klaus John auf den Punkt. Ein Großteil der kleinen „Lädchen für alles" werden von Behinderten-Werkstätten betrieben und engagieren sich damit auch für die Integration von Menschen mit Behinderungen.

Nach Klaus John und vor dem Vortrag der Professorin Dr. Barbara Freytag-Leyer von der Hochschule Fulda habe ich unseren Dorfladen „von Bürgern für Bürger" in Otersen vorgestellt. Dazu einige zentrale Aussagen aus meinem Vortrag:

  • Aus 160.000 Lebensmitteleinzelhändlern um 1970 sind heute weniger als 40.000 geworden
  • Die Zahl der gefahrenen Kilometer zum Einkaufen hat sich laut IÖW Berlin auf über 400 Mio. km (täglich) verdoppelt.
  • Immer mehr Einwohner, Bürgermeister und Kommunalpolitiker im ländlichen Raum haben es satt, sich von den großen Lebensmittel-Konzernen vorschreiben zu lassen, wie weit sie zum Einkaufen fahren müssen.
  • So ging es uns im Jahre 2000 und deshalb haben wir am 1.4.2001 unseren Bürger-Dorfladen (www.otersen.de/dorfladen.php)
  • Auf 180 qm Ladenfläche bieten wir ca. 2.700 verschiedene Artikel, viele Bio-Produkte und Erzeugnisse aus der Region
  • Durchschnittlich über 4.000 Kunden monatlich sorgen für über 330.000 € Jahresumsatz
  • Wir sichern fünf Arbeitsplätze für Frauen
  • Unser AllerCafé gleich neben dem Dorfladen wird von Rad-Touristen, Gästen aus der Umgebung und von den Einwohnern vielfältig als Mehrgenerationen-Dorfcafé genutzt
  • Bürgerengagement für die Nahversorgung lohnt sich, weil wir uns dadurch Lebensqualität und Zukunftsfähigkeit am eigenen Wohnort sichern können
Vorgestellt habe ich auch unser Konzept zur Weiterentwicklung eines kleinen Lebensmittel-Marktes zum Lebens-Mittelpunkt eines Dorfes (Dorfladen + Café).  Nach dem Vortrag wurde fleißig diskutiert und die Bürgermeister und Kommunalvertreter bekundeten ihr Interesse mit vielen Fragen und zeigten sich beeindruckt, was durch Bürgerengagement möglich ist.

 

 

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